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Politik

Selbstverbrennung als politischer Protest

27. Oktober 2017

Der Akt der öffentlichen Selbstverbrennung ist eine der extremsten Formen des politischen Protests. Doch haben Menschen, die aus freien Stücken den Feuertod wählen, über die Wirkung ihrer Botschaft nur wenig Kontrolle.

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Polen Trauer nach Protest durch Selbstverbrennung in Warschau
Trauer um einen Toten: In Warschau hat sich vergangene Woche ein Mann aus Protest gegen die Regierung verbranntBild: picture-alliance/J.A. Nicolas

"Ich hoffe, mit meinem Tod viele Menschen aufzurütteln". In dramatischen Worten wandte sich der Mann vergangene Woche in Warschau an die Öffentlichkeit, um gegen die Politik der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit zu protestieren. "Das ist ein Protest gegen die Abschaffung der bürgerlichen Freiheiten sowie de facto auch des Verfassungsgerichts, der Verfassung, gegen die internationale Marginalisierung Polens, die Umweltzerstörung und die Aneignung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens." Regierungsparteichef Jaroslaw Kaczynski habe gar "Blut an den Händen". Um seiner Warnung die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen, entschied sich der Mann für eines der drastischsten Mittel des politischen Protests: die öffentliche Selbstverbrennung.

Gerade weil sie so drastisch und verstörend ist, sichert die politisch motivierte Selbstverbrennung das wichtigste Gut politischer Kommunikation: die öffentliche Aufmerksamkeit. Wegen der wachsenden Bedeutung der Medien setzte sie sich in größerem Stil auch erst im 20. Jahrhundert durch. Erst über Bilder und Filme wurde es möglich, eine weltweite Öffentlichkeit in vergleichsweise kurzer Zeit zu erreichen.

Der Mönch und das Feuer

Einer der ersten Akte politisch motivierter Selbstverbrennungen in jüngerer Zeit fand 1963 in Vietnam statt. Über Monate hatten dort buddhistische Mönche mit unterschiedlichen Brennflüssigkeiten experimentiert. Irgendwann hatten sie die am besten geeignete gefunden, eine, die das Körpergewebe möglichst schnell angriff und den Todeskampf so kurz wie möglich machte. Anschließend informierten sie die Presse - wenn auch nicht in allen Details, damit die geplante Aktion nicht unnötig behindert würde.

Dann, am 11. Juni jenes Jahres, übergoss sich Thich Quang Duc im damaligen Saigon mit dem ausgewählten Brennstoff und zündete sich an. Die Beine übereinandergeschlagen, den Oberkörper kerzengerade durchgedrückt, blieb er aufrecht, bis er das Bewusstsein verlor. Herbeieilende Rettungskräfte wurden von anderen Mönchen und Nonnen aufgehalten, die sich quer über die Fahrbahn legten.

Vietnam Selbstverbrennung des Mönches Thich Quang Duc
Öffentliches Sterben: Selbstverbrennung des Mönches Thich Quang Duc in Vietnam, 1963Bild: picture-alliance/AP Photo/M. Browne

Ein Phänomen der Mediengesellschaft

Mit der Selbstverbrennung von Thich Quang Duc, der damit gegen die Unterdrückung der Buddhisten in Vietnam protestierte, setzten er und seine Mitstreiter konsequent auf das bedeutendste Element des freiwilligen Flammentods: die Öffentlichkeit. Ohne sie würde der Akt ins Leere laufen, seinen politischen Kern nicht entfalten. Wird er nicht öffentlich wahrgenommen und diskutiert und in die zentralen gesellschaftlichen Foren getragen, bleibt der politisch motivierte Freitod auch in einer seiner erschreckendsten Formen politisch folgenlos.

Nicht erstaunlich darum, dass die Zahl öffentlicher Selbstverbrennungen im Laufe des 20. Jahrhunderts stark angewachsen ist, und zwar parallel zum Wachstum der öffentlichen Medien. Auf den freiwilligen Flammentod des Thich Quang Duc 1963 folgten allein bis 1970 101 Suizidproteste - das waren 17 mal so viele wie in der Zeit zwischen 1919 und 1962.

Zwischen Bewunderung und Ablehnung

Doch das Kalkül mit der Öffentlichkeit ist riskant. Der in seiner drastischen Intensität schwer überbietbare Akt der Selbstverbrennung löse nämlich durchaus unterschiedliche Reaktionen aus, erläutert die Kulturwissenschaftlerin Sabine Stach, Wissenschaftlerin am Deutschen Historischen Institut und Autorin einer umfassenden Studie zum Akt der Selbstverbrennung in den Staaten des Warschauer Paktes. Der Akt setze die Öffentlichkeit nicht nur unter Druck, sondern sei politisch auch nicht eindeutig: Er lasse sich sowohl als Ausdruck von Mut und Kompromisslosigkeit wie auch als bedauerliche Verzweiflungstat deuten.

Diese Ambivalenz, so Stach, löse entsprechend unterschiedliche Reaktionen aus. "Auf der einen Seite herrscht höchste Bewunderung, auf der anderen klare Ablehnung. Dazwischen gibt es eine ganze Reihe von Grautönen. Dazu Unsicherheit, Zweifel, Unentschlossenheit, wie man damit umgehen soll." Der wesentliche Gegensatz, so Stach weiter, liege darum im Begriff des Opfers: "Sehen wir das als ein passives Opfer, als die Tat einer Person, die zum Opfer von Ideologien geworden ist und sich deshalb selbst verbrannt hat? Oder ist es ein eigenständiger Schritt im Sinne eines bewussten Selbstopfers, einer Märtyrertat?"

Jan Palach, Student Selbstverbrennung in Prag 1969
Jan Palach, die "Fackel Nr. 1"Bild: picture-alliance/CTK Photo

Die "Fackel Nr. 1"

Auf ihre archaisch anmutende Weise ist auch die Selbstverbrennung ein Akt politischer Kommunikation, allerdings eine, auf dessen Wirkung die betreffende Person kaum mehr Einfluss hat. Der Akt wird zur Projektionsfläche unterschiedlichster politischer Deutungen. Das zeigte sich etwa am Beispiel Jan Palachs, der "Fackel Nr. 1", wie er sich nannte. Er entzündete sich am 1. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz direkt vor dem Nationalmuseum. Er starb drei Tage später, mit Verbrennungen dritten Grades auf 85 Prozent seines Körpers. Er und seine Mitstreiter, hatte Palach in seinem Abschiedsbrief erklärt, wollten "die Leute dieses Landes […] wachrütteln."

Wachgerüttelt wurden die Menschen tatsächlich, in der Tschechoslowakei wie auch weit über deren Grenzen hinaus. Überall wurde der Fall Jan Palach diskutiert - auch im Westen. Allerdings, so Sabine Stach, nur für kurze Zeit. Bis heute kursierten ganz unterschiedliche Deutungen seiner Tat. Seit 1989 überwiege das "universelle Bild eines Helden", der sich für Demokratie eingesetzt habe. Man könne seinen Tod aber auch ganz anders deuten, nämlich als Plädoyer für Reformen innerhalb des bestehenden politischen Systems, als Einsatz für die Ideale des Prager Frühlings.

Demnach ging es ihm nicht um Revolution, sondern um Reformation. Beide Deutungen stünden sich bis heute gegenüber: "Dem gängigen Narrativ nach gilt er als universaler Held für Freiheit und Demokratie. Wenn man dieser Einschätzung folgt, dann kann man auch sagen, im Jahr 1989 hat sich sein Vermächtnis erfüllt. Wenn man aber annimmt, er sei für den Reformkommunismus eingetreten - und das tat er letzten Endes, denn er war Teil der Studentenbewegung, die ganz klar hinter Alexander Dubcek stand, dann müsste man zu dem Schluss kommen, er ist gescheitert."

Tschechoslowakei 1969, Beerdigung Jan Palach, Selbstverbrennung
Aufgerüttelte Öffentlichkeit: Die Beerdigung Jan PalachsBild: picture-alliance/CTK Photo

Autonomie und Öffentlichkeit

Diese doppelte Lesart war in der westlichen Öffentlichkeit wenig bekannt. Dort dominierte das Bild des kompromisslosen Freiheitskämpfers, des Revolutionärs. So trug Palach, wohl ohne es zu wollen, dazu bei, die ideologische Konkurrenz zwischen Ost und West, Kommunismus und Kapitalismus, weiter zu verschärfen - Märtyrertum und Missverständnis gingen zumindest im Westen eine enge, wenngleich folgenschwere Beziehung ein.

Mehrdeutig war womöglich auch die Botschaft, die der Tunesier Mohamed Bouazizi im Dezember 2010 in die Welt schickte. Aus Protest gegen Behördenwillkür entzündete sich der junge Obsthändler in der Kleinstadt Sidi Bouzid. Seinen Akt verstanden sehr viele Tunesier: Korruption und Amtsanmaßung kannten viele aus eigener Erfahrung.

Dass er mit seinem Akt aber eine weit in die arabische Welt ausgreifende politische Bewegung anstieß, die sich grundlegende Forderungen nach Menschen- und Bürgerrechten zu eigen machte, hat er womöglich selbst nicht geahnt.

Die politische Botschaft der Selbstverbrennung ist vieldeutig. Der Märtyrer handelt nicht autonom. Was aus seinem Anliegen wird, entscheidet nicht er, sondern die öffentliche Meinung. Das gilt auch für jenen Mann, der sich vergangene Woche in Warschau anzündete. Unmittelbar wurde der Vergleich zu den Dissidenten zu Zeiten des Warschauer Paktes gezogen - und von vielen verworfen. Die Situation heute und damals, so ihr Argument, lasse sich nicht vergleichen. So hinterlässt dieser Akt gemischte Gefühle. Viele Polen sind unsicher in der Bewertung - und ziehen es vor, zu schweigen. 

DW Kommentarbild | Autor Kersten Knipp
Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika